Rheinromantik und schnelle Moderne

Rheinromantik und schnelle Moderne

Fährmann: Ein Beruf, der schon Jahrhunderte alt ist. Auch in Meerbusch-Langst hat der Beruf Tradition. Schon seit 800 Jahren gibt es eine Fähre an dieser Stelle. Doch das Berufsbild, der Job hat sich gewandelt. Top Magazin hat mit Hajo Schäfer gesprochen, der auf seiner Michaela II (übrigens benannt nach Schäfers Schwester) den Familienbetrieb führt und täglich und verlässlich „seine“ Kunden von Langst nach Kaiserswerth und zurück befördert.

Die Geschichte beginnt jedoch nicht in Meerbusch-Langst am Fährableger, sondern in Neuss. Denn an dem Tag, an dem ich mit Hajo Schäfer zum Interview verabredet bin, scheint die Sonne. So schnappe ich mir das Fahrrad, entscheide mich für eine Radtour statt der schnöden Autofahrt, um mit richtigem Ausflugsfeeling an der Fähre anzukommen: Denn das verbinde ich mit der Überfahrt. Ich kann mich noch gut an Familienausflüge mit meinen Eltern und Geschwistern erinnern, bei denen wir dann an der Reling gestanden haben und das Highlight der Rheinquerung genossen haben.

Und die Fahrt dorthin ist angenehm. Etwas spät bin ich losgekommen, deswegen geht es dann auf direktem Weg über die viel befahrene Straße, am Handweiser entlang. Erst, als ich schon auf Meerbuscher Boden bin, wird es dann schön und „ausflugsmäßig“. Die Strecke über den Deich kann ich dann richtig genießen und schaue mir die Schiffe und den Fluss an. Am Fährableger in Langst angekommen, sehe ich, dass ich nicht der einzige bin: Mehrere Autos und viele Radfahrer warten ebenfalls auf die Michaela II, die gerade „von drüben“ ablegt.

Schnell kommt die Fähre hinüber, so schnell hatte ich das gar nicht erwartet: Von drei Minuten berichtet mir Hajo Schäfer später – und in der Tat schaffen wir während des Interviews bestimmt ein gutes Dutzend Überfahrten. Gezählt habe ich nicht, und das wäre auch nicht richtig gewesen. Eine Lektion lerne ich nämlich sehr schnell vom Meerbuscher Fährmann: Es ist wichtig, sich für Dinge Zeit zu nehmen, auch wenn das Leben heute sehr schnell geworden ist.

Als sein Vater den Betrieb vor 55 Jahren übernommen hat, war das noch nicht so. Es gab keine Brücke in der Nähe, die Fähre hatte eine Monopolstellung und der Fährmann musste, wenn jemand über-setzen wollte, aus der jeweiligen Kneipe geholt werden, in der er sich aufhielt und wartete. Schäfers Vater, der mit 21 Jahren seinerzeit der jüngste Binnenschiffer auf dem Rhein war, arbeitete zunächst als Angestellter, bevor er den Betrieb von seinem Chef übernahm.

 

Im Laufe der Jahre modernisierte Schäfers Vater den Fährbetrieb, stellte ihn auf die neue Zeit ein. Wichtigste Veränderung: Es wurde eine Grund-Verlässlichkeit eingeführt. Die Fähre fährt immer. Die Kunden können sich darauf verlassen, dass sie auf die andere Seite kommen. Diese Devise ist auch heute noch Markenkern des Familienbetriebs. Auch während der Corona-Pandemie wird der Betrieb weitergeführt, auch wenn es Tage gibt, an denen die Erlöse deutlich unter den Betriebskosten liegen. „Die Kunden erwarten, dass wir fahren. Wir leben von der Verlässlichkeit und der engen Kundenbindung“, betont Schäfer.

Die Verbundenheit zum Beruf, zum Schiff, zu den Kunden wird während des Gesprächs sehr deutlich. Auch Hajo Schäfer war der jüngste in seinem Metier, damals der jüngste Fährführschein-Inhaber. Schäfer erklärt mir, dass es Unterschiede der Fahrerlaubnisse gibt: „Es gibt das Rheinpatent, das für bestimmte Strecken erworben werden kann. Da muss man dann jeden Stein im Flussverlauf kennen. Mit dem Fährführschein darf man nur queren, also eine Fähre fahren.“ Seit nunmehr fast zehn Jahren hält Schäfer auch ein Rheinpatent, immerhin muss die Fähre auch zur Reparatur auf die Werft, nach Duisburg, Köln oder auch in die Niederlande. Und das Verhältnis zu den Binnenschiffern, die den Rhein wie eine Autobahn nutzen? Das sei durchaus ambivalent, erklärt mir der Fährmann. Auch wenn im Durchschnitt nur alle 50 Kilometer eine Fähre auf dem Rhein fahre, sähen die Binnenschiffer, die schnell den Rhein entlang fahren, die querenden Fähren meist als Hindernis. Es gäbe durchaus viele, mit denen ein gutes Verhältnis besteht (immerhin sieht man sich oft zweimal die Woche auf dem Fluss), mindestens genauso oft jedoch merke man, dass die Binnenschiffer immer noch die alte (und nicht mehr geltende Regel) verinnerlicht hätten: Die Fähre ist im Unrecht und muss ausweichen.

Außergewöhnliche Geschichten hat Hajo Schäfer viele auf Lager. Etwa die von dem halbwüchsigen Jungen, den er mit seinem Surfboard vom Rhein rettete. Oder die von der Frau, die mit ihrem Auto ins Wasser fuhr, versank – und zumindest selber wieder unbeschadet auftauchte. Auch Explosives war dabei, wie die beiden Frachtschiffe, die aneinanderstießen, von denen eines explodierte oder das brennende Motorboot, das ohne Passagiere und lichterloh in Flammen von Schäfer mit der Fähre ans Ufer gezogen wurde. Und die Heiratsanträge – das sind besonders schöne Erinnerung, berichtet Schäfer. 

Ohne eine Erwähnung der 2002 eröffneten Flughafenbrücke, über die die A44 führt, lässt sich die Geschichte des Betriebs und des Berufs nicht schreiben. Das lässt sich in Zahlen ausdrücken. „500 Stammkunden, Autofahrer, hatten wir vor der Brücke jeden Tag. Die Leute sind zur Arbeit gefahren und wieder mit uns zurückgekommen.“ Die Kunden hätten die Zeit eingeplant, der Manager hätte noch die Tageszeitung gelesen, geschminkt wurde sich auch noch, die Zeit wurde genutzt. Und heute? „An einem echten Sommertag, ohne Corona, sind 250 Autos ein tolles Ergebnis.“ Bei all dem merkt man Schäfer die Leidenschaft für seine Berufung an, die er auch explizit äußert: „Der Beruf befriedigt. Es macht Spaß und von vielen Kunden wird man wirklich wertgeschätzt. Das geht bis hin zu Präsenten an Weihnachten und Ostern.“ 

Und Stammkunden, die gibt es noch immer: Das sind etwa Schüler – und auch der ein oder andere Lehrer – des Suitbertus-Gymnasiums. Das sind Geschäftsleute und Ärzte, die ihre Geschäftsräume auf der anderen Seite haben. 

Ein Fazit bleibt aus dem Gespräch: Auch wenn Schäfer sagt, dass es die Rheinromantik nicht mehr richtig gäbe – hier, auf der Michaela II, existiert sie durchaus noch. Und ich bereue es ein wenig, dass ich am Ende des Gesprächs fast über-hastet aufbrechen muss – denn die Fahrradtour ist noch nicht beendet, ich bin verabredet und es sind noch einige Kilometer, die ich nun auf der anderen Rheinseite (natürlich lasse ich mich in Kaiserswerth absetzen) Richtung Süden fahren muss, bevor ich wieder auf die „richtige“ Seite nach Neuss fahre – dieses Mal dann über eine Brücke. SL

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