TG Neuss Tigers: Umbruch nach der „Ära Worthmann“

Die Tigers zeigen wieder ihre Krallen. Die Basketballerinnen der TG Neuss verfolgen in ihrer elften Spielzeit in der Nord-Gruppe der Zweiten Bundesliga erneut ehrgeizige Ziele. Wie in der abgebrochenen Vorsaison rechnet sich Trainer John F. Bruhnke mit seinem Team in der Zwölfer-Liga realistische Chancen auf Teilnahme an der Play-off-Runde aus. „Zuletzt erreichten acht Mannschaften aus einer Staffel die Play-offs, aber wegen des dicht gedrängten Spielplans kommen in dieser Saison nur die vier Besten aus jeder Gruppe weiter. Unter diesen Voraussetzungen und mit dem Wissen, dass finanziell deutlich stärkere Teams den Aufstieg anstreben, kann unsere Zielsetzung nur lauten, in die Play-offs zu kommen“, erläutert Bruhnke die Erwartungen. 

Gleichwohl haben die Tigers durchaus anspruchsvolle Ambitionen, wie der Coach weiter verdeutlicht: „Wir sollten uns die obere Tabellenhälfte vornehmen, und wenn es weiter nach oben geht, nehmen wir das natürlich gerne an. Wenn wir unter die besten Vier kommen, hätten wir uns ein ‚Sehr gut‘ verdient und eine super Saison gespielt, schließlich ist unsere Qualität nicht mehr so hoch wie im vorigen Jahr.“ Der Grund dafür heißt Franziska Worthmann. Die erfahrene Kapitänin hat durch ihren beruflich bedingten Abschied zu Erstligist USC Heidelberg eine sehr große Lücke in Bruhnkes Personaltableau gerissen. Zu groß, um umgehend gefüllt werden zu können, meint nicht nur Bruhnke: „Franziska ist unersetzlich. Sie war eigentlich unsere Beste. Für uns ist das ein herber Verlust.“

Tatsächlich ragte Worthmann in ihrem sechsten und letzten Jahr im Tigers-Trikot noch einmal heraus. Alleine die 268 Punkte der 33-Jährigen bedeuteten im mannschaftsinternen Vergleich mit Abstand den Spitzenwert und ligaweit immerhin Platz acht. „Wir müssen das, was Franziska geleistet hat, auf mehrere Schultern verteilen“, lautet Bruhnkes Plan.

Das Ende der „Ära Worthmann“ läutet bei den Tigers jedoch zugleich auch einen Umbruch ein. Bei der von Vereinsseite per­spektivisch angestrebten Verjüngung seines Aushängeschildes sollen sich die jüngeren Spielerinnen und Talente von den „Junior Tigers“ aus der U18-Bundesliga besonders am routi­nierten Quartett mit Jana Heinrich, Britta Worms, Leonie Prudent und auch weiterhin der Kanadierin Jill Stratton orien­tieren. „Alle vier hängen nach dem abrupten Ende der vorigen Saison zum Glück für uns noch mindestens ein Jahr dran und werden das Bild der Tigers weiter prägen. Wenn sich alle älteren Spielerinnen auf einmal verabschiedet hätten, wäre das für uns schon ein schwerer Schlag ins Kontor gewesen“, meint Bruhnke über seine „Leader“.

Als weitere Leitfiguren sind allerdings auch gleich die Zu­gänge Toshua Leavitt und Jana Meyer eingeplant. Die vom letztjährigen Zweitliga-Sieger Eintracht Braunschweig ge­kommene US-Amerikanerin Leavitt ersetzt ihre nach einer Meniskus­verletzung nicht rechtzeitig fit gewordene Landsfrau Briana Williams. Meyer spielte zuletzt beim Neusser Regional­rivalen Bergische Löwen. Auf beide hält Bruhnke große Stücke. „Toshua ist auf der Außenposition deutlich stärker als Briana und hält in der US-College-Liga den Rekord für Drei-Punkte-Würfe. Sie muss sich nach ihrer Zeit in Braunschweig nicht mehr an die Spiel­weise in Deutschland gewöhnen und weiß direkt, worum es geht. Jana Meyer fällt dem Zuschauer zwar nicht immer direkt auf, aber sie ist sich nicht für harte Arbeit zu schade, macht die Jobs, auf die keine andere Lust hat, geht dahin, wo es weh tut und wirft sich ins Getümmel. Sie wird eher nicht konstante Topscorerin sein, aber in mehreren Kategorien Punkte für uns holen und deswegen ungemein wichtig für uns sein“, beschreibt der 56-Jährige die Qualitäten der beiden Neu-Neusserinnen.

Für den übergeordneten Umbruch setzen Geschäftsführer Klaus Ehren und Ab­teilungs­leiterin Angela Krings auf Bruhnkes Händchen und haben deswegen in der Corona-Pause den Vertrag mit dem früheren „Trainer des Jahres“ auch bis 2022 verlängert. „Ich soll die jüngeren Spielerinnen in den nächsten zwei Jahren an das höhere Niveau heranführen. Darum geht es in Neuss, und daran werde ich mich auch messen lassen müssen“, be­schreibt Bruhnke seine über­geordnete Aufgabe.

Doch der ehemalige Assistenz-Bundestrainer will auch sehenswerten Basketball spielen lassen. Nach seiner Verpflichtung erst kurz vor Beginn der vergangenen Saison „müsste man nun meine Handschrift erkennen, wenn wir Tempo spielen, hart verteidigen und gegnerische Fehler schnell bestrafen. Das ist attraktives Basketball“, erläutert Bruhnke seine Philosophie. 

Einen weiteren Schwerpunkt legt der Coach auf die indivi­duelle Weiterentwicklung seiner Spielerinnen: „Sie sollen nicht zu sehr eingeschränkt, sondern durch unser Training in der Lage sein, in einem von viel Freiheiten geprägten Rahmen Si­tuationen intuitiv richtig einzuschätzen und selbst reife Entscheidungen zu treffen. Dann ist ein Spiel auch attraktiv und stimmig. Basketball ist so facettenreich und kreativ, dass ich mich nicht wohlfühlen würde, wenn ich den Spielerinnen diese Kreativität nehmen würde.“

Bruhnke kann sich umso mehr auf seine Arbeit mit der Mannschaft konzentrieren, als dass der Trainer anders als so manche seiner Kollegen nicht auch noch Aufgaben abseits des Parketts zu übernehmen hat. „Auf der organisatorischen Ebene funktioniert alles extrem gut. Angela Krings und ihr Team machen in Zusammenarbeit mit Klaus Ehren einen tollen Job. Ich muss mich nur um die Spielerinnen kümmern, alles andere wird erledigt und für alles gesorgt. Dass alles so gut ineinander greift, ist total wertvoll. Eine solche Atmosphäre schätzt man als Trainer, auch weil es eigentlich sehr selten ist.“

In einem solchen Umfeld reift der mannschaftliche Zu­sammenhalt denn auch umso schneller. „Das ist“, konstatiert Bruhnke, „in unserer Mannschaft wirklich gut ausgeprägt und sicher eine unserer Stärken, auch weil die Spielerinnen viel Freizeit miteinander verbringen. Dadurch ist der Kommuni­kationslevel bei uns sehr hoch, was dazu führt, dass die Verar­beitung von Rückschlägen zumeist gut gelingt.“  

von Dietmar Kramer

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